HongKong – Eine Reise durch die Zeit

Posted on: Mai 21st, 2013 by admin No Comments

Ob mit der Star Ferry nach Central, in der Straßenbahn durch die Häuserschluchten oder per Tram auf den Victoria Peak: Reisen wird hier zum Erlebnis!

Träumereien auf der Sternenfähre

Früher Morgen in Tsim Sha Tsui. Die Sonne lässt das Wasser glitzern, die Skyline von Hong Kong Island ist in zarten Dunst gehüllt – und am Fährterminal herrscht reges Treiben. Kaum hat die knallbunt bemalte „Night Star“ angelegt, drängen die Menschen über die eiserne Brücke auf ihre beiden Decks – im Wettlauf mit der Ampel, die schon bald wieder auf Rot umzuschalten droht.

Während ein Matrose noch das schwere Tau zu einem perfekten Kreis wickelt, pflügt die Fähre bereits wieder durch das unruhige Meer, kämpft ein Geschäftsmann beim Lesen der „South China Morning Post“ gegen den Fahrtwind und spielen zwei Schülerinnen neben ihm kichernd mit ihren iPhones. Ein Touristenpaar schaut verträumt durch die offene Fensterfront auf die sich schnell nähernde Hochhausfront. Doch jäh wird es von den aufheulenden Schiffsmotoren aufgeschreckt, die von der nahen Ankunft am Central Pier künden. So schnell wie die „Night Star“ die Passagiere aufgesogen hat, so schnell sind die Menschentrauben über die Gangway wieder verschwunden.

Hafenfahrt für fünfundzwanzig Cent

Auch wenn die Überfahrt keine zehn Minuten dauert, so scheint sie doch wie eine Zeitreise zu sein – und das für nur umgerechnet 25 Cent. Was hat die „Star Ferry“ nicht alles gesehen in den vielen Jahren, seit sie im Mai 1898 ihren Dienst aufnahm. Sie sah japanische Besatzer, europäische Glücksritter, sie erlebte ein britisches Empire, das auf einer kargen Insel eine Weltmetropole schuf und sie dann hundert Jahre später schweren Herzens wieder an die Volksrepublik China zurück gab.

Vor allem sah und sieht sie bis heute unzählige Besucher aus aller Welt, die fasziniert von dieser Megacity sind und begeistert zwischen Kowloon und Hong Kong Island mit der ehrwürdigen „Star Ferry“ pendeln, obwohl U-Bahn und Tunnel die beiden Stadtteile schon lange verbinden. Doch die Sternenfähre mit dem spitzen Bug und Heck hat Kultstatus und gehört zu Hongkong wie der Victoria Peak. Von welchem Fährboot in der Welt hat man sonst ein so atemberaubendes Stadtpanorama – und das für wenige Cent?

Ikonen der Hochhausarchitektur

Der Central Pier mit seinem markanten Uhrturm wirkt wie ein freundlicher Willkommensgruß von Hong Kong Island. Jene Insel, auf der sich das europäische Gestern mit dem asiatischen Morgen auf wundersame Weise verbindet, wo koloniale Prachtbauten neben glitzernden Bürotürmen stehen und die Ikonen der internationalen Hochhausarchitektur um Aufmerksamkeit heischen: der HSBC-Tower neben der Bank of China, das Jardine House mit seinen markanten runden Fenstern und nicht weit entfernt das alles überragende International Finance Centre Two, dessen 412 m hoher Turm wie eine feine Zigarre ´gen Himmel ragt. Als Kulisse des Central Pier präsentieren sie sich selbstbewusst und elegant, so dass der koloniale Kuppelbau des Legislative Council zwischen all den Wolkenkratzern wie ein Modell wirkt.

Wie lose Geschenkbänder schlängeln sich die Einkaufsstraßen zwischen den Häuserschluchten hindurch. Hier locken schicke Shoppingmalls, edle Boutiquen und traditionsreiche Spezialitätenlokale. Wo soll man hin? Mit gefülltem Magen mag die Entscheidung etwas leichter fallen, also geht es zunächst in den Law Fu Kee Noodle Shop an der Des Voeux Road Nummer 140, um dort die leckeren Wontons zu probieren. Eigentlich wäre auch ein gemütlicher Tee in der stylishen MO Bar des Mandarin Oriental Hotels nicht schlecht. Oder vielleicht doch über die Central–Mid-Levels Escalators, die längste überdachte Rolltreppe der Welt, bis zur Hollywood Road fahren, um dort die Galerien, Cafés und Antiquitätenläden zu erkunden? Auch der berühmte Man Mo Tempel mit den duftenden Räucherspiralen ist von dort nicht weit.

Im Doppeldecker zwischen Wolkenkratzern

„Ding Ding“ lautet das Zauberwort, und schon ist die Entscheidung gefallen: Kaum ist die Warnglocke verklungen, startet geräuschvoll die Straßenbahn von der Haltestelle „Peddar Street“ an der Des Voeux Road. Vor der Hochhauskulisse wirkt die doppelstöckige Tram wie eine Miniaturbahn. Gerade hat man noch einen der Sitze im Oberdeck ergattert, schon ächzt die Bahn weiter, quietscht um die Kurve, um nach wenigen hundert Metern wieder bei der nächsten Station anzuhalten. 230.000 Passagiere nutzen täglich einen der insgesamt 161 Tramwaggons, die alle paar Minuten auf sechs Linien zwischen Kennedy Town im Westen und Shau Kei Wan im Osten verkehren. Eine Linie führt auch nach Happy Valley mit der berühmten Pferderennbahn.

Die Fahrt verläuft mitten durch den Hongkonger Alltag: Schüler in ihren Uniformen eilen über den Zebrastreifen, zwei junge Chinesinnen begutachten die schicken Kleider im Schaufenster eines Designerladens, die Hände voller Einkaufstüten. Ein hagerer Mann schiebt die neueste Ware in sein Geschäft mit asiatischen Süßigkeiten, zwei ältere Damen begutachten kritisch Mangos an einem Obststand. Derweil flackern allerorts Leuchtreklamen und hüllen das Innere der Waggons in bunte Farben. Schon seit 1904 rattert die Tram durch die Straßen von Hong Kong Island. Alles um sie herum mag sich verändert haben, doch sie ist sich treu geblieben.

Beim Victoria Park an der Causeway Bay wird die Rückfahrt angetreten, denn das Programm ist noch nicht zu Ende. Schließlich möchte man noch vom Peak aus die Stadt im Dämmerlicht erleben. Also raus an der Station „Murray Road“ und noch schnell passend die 2,30 Hongkong-Dollar bezahlt, denn Wechselgeld gibt es nicht. Weiter geht es zu Fuß entlang der Garden Road bis zur nahen Talstation der Peak Tram. Und schon sitzt man in Hongkongs drittem Transportveteran. Seit 1888 schnauft die Standseilbahn auf den 552 m hohen Victoria Peak, denn der Ausblick von dort war schon immer atemberaubend. Wenn es dunkel geworden ist, ragen die zahllosen Wolkenkratzer wie mit Diamanten besetzte Mikadostäbe in die Höhe, und spätestens da beginnen auch die Augen der Betrachter zu funkeln.

Wo die Nacht zum Tag wird

Der Tag lässt sich dort beschließen, wo er begonnen hat: an der Wasserfront von Tsim Sha Tsui in Kowloon. Hier kann man aber nicht nur herrlich entlang der „Avenue of Stars“ flanieren, wo im Boden eingefasste Sterne und lebensgroße Statuen an Bruce Lee und andere Filmgrößen erinnern, sondern allabendlich um 20 Uhr die fantastische Lasershow „A Symphony of Lights“ über den Dächern der Wolkenkratzer von Hong Kong Island bestaunen. Und wenn die Nacht über die Weltmetropole fällt, wird sie in den geschäftigen Straßenzügen schnell zum Tag: sei es auf dem „Temple Street Night Market“ unweit des bekannten Tin-Hau-Tempels oder in der stets belebten Nathan Road mit zahllosen Essens- und Shopping-Angeboten. Nächtliche Partystimmung herrscht auch in den vielen glitzernden Bars, schicken Lounges und hippen Clubs der Stadt. Ob in Central oder etwas cooler in den Seitenstraßen der Hollywood Road – Hongkongs Nachtleben scheint kein Morgen zu kennen.

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