Macau – ein Spaziergang zwischen den Welten

Posted on: Mai 28th, 2013 by admin No Comments

Manchmal sind es von Europa nach Asien nur wenige Meter. Wie in Macau, wo sich portugiesische und chinesische Kultur die Hand reichen.

Blauer Himmel, eine warme Brise. Frau Wu atmet tief ein, geht leicht in die Knie und lässt die Arme in einer langsamen, meditativen Geste spielen. Rund eine halbe Stunde übt sich die End-Fünfzigerin jeden Morgen im fernöstlichen Schattenboxen, wie viele andere Chinesen auch. Für Asien eigentlich kein ungewöhnlicher Anblick. Nur die Kulisse will nicht so recht passen: Hinter Frau Wu leuchten die weiß gekalkten Wände einer mediterranen Festungsanlage. Das „Fortaleza do Monte“ ist eines der ersten steinernen Gebäude Macaus aus dem Jahr 1617 und eindeutig europäischen Ursprungs. Hoch oben über der Stadt sollte das Fortaleza die junge portugiesische Siedlung schützen. Erfolgreich übrigens, denn 1622 wurde von hier aus der erste und letzte Kampf gegen die Holländer geführt und ging mit einem explosiv-spektakulären Zufallstreffer ins holländische Pulvermagazin in die Geschichte ein.

Die Szenerie, auf die Frau Wu blickt, ist freilich ungleich friedlicher, wenn auch verwirrend. Glitzernde Hochhaus-bauten stehen neben mediterranen Villen, Einkaufszentren, Tempeln und Kirchen – sogar ein Vulkan ist dabei. Ganz echt ist er nicht – er gehört zum Fisherman’s Wharf Themenpark und bricht nur auf Bestellung aus. Alles andere jedoch ist historisch gewachsen – und typisch für Macau!

Chinesische Tempel und altehrwürdige portugiesische Kolonialbauten – zwei unterschiedliche gesichter ein und derselben Stadt.

Asien mit Weihnachtsputz

Mehr als vierhundert Jahre lang war Macau Portugals Tor zu Asien, und wer über den Senatsplatz „Largo do Senado“ schlendert, mag es sofort glauben: Imposant thront der Senat „Leal Senado“ über dem Platz mit dem in Wellenform gelegten Kopfsteinpflaster. Hier versammelten sich die portugiesischen Bürger der Kolonie zu großen Anlässen. Bis ins 17. Jahrhundert übrigens noch ohne den Zusatz „leal“. Den Ehrentitel „loyaler Senat“ verdienten sich die Macanesen, als Spanien 1580 bis 1640 den portugiesischen Thron annektierte und Macau die letzte Bastion der loyalen Royalisten war. Auch die benachbarte Barockkirche Igreja de São Domingos verrät kein bisschen, dass sie in Asien steht. Wenn der Largo do Senado im Dezember unter voller Weihnachtsbeleuchtung erstrahlt, ist die Illusion perfekt.

Chinesischer wird es dafür in den Seitengassen: Kleine Läden locken im Schaufenster mit getrocknetem Fisch und lackierten Enten, dazwischen Shops mit buddhistischen Devotionalien und kleine Boutiquen. Im Schaufenster des Juweliers zeigt sich Macau genauso multikulti wie im echten Leben: Beleibte goldene Buddha-Statuen liegen neben katholischen Kreuzen, während ein aus Jade geschnitztes Triumvirat chinesischer Götter weise und ein wenig verloren auf die Straße blickt: Rund 95% der 570.000 Einwohner Macaus sind chinesischen Ursprungs und folgen einer bunten Mischung aus Buddhismus, Daoismus und Geisterglaube mit einem ordentlichen Einschlag katholischer Heiliger.

Vom Largo do Senado aus ist es nicht mehr weit bis zum unangefochtenen Wahrzeichen Macaus, den Ruinen der Basilica do Sao Paulo. Schon zur Bauzeit 1602 galt das Gebäude als die Krönung sakraler westlicher Architektur in Asien. Dummer Weise war nur die Fassade aus Granit gemauert, während die Jesuiten den Rest des Gebäudes in schlichtem und günstigerem Holz errichteten. Als das Gebäude 1835 abbrannte, blieb daher nur die Front stehen. Heute fotografieren sich hier die Gruppen vom benachbarten Festland, bevor sie ihr Glück in einem der Casinos versuchen.

Lichterzauber an der Ama-Bucht

Rund ein Fünftel der Stadt steht mittlerweile unter Denkmalschutz und seit 2005 gehört die historische Altstadt Macaus zum UNESCO-Weltkulturerbe. Vom Fortaleza do Monte bis zur Südspitze der Halbinsel Macaus ziehen sich rund 30 Straßen und Plätze, die allesamt Teil dieses Kulturerbes sind: Genug für tagelange Entdeckungstouren! Südlich der Avenida de Almeida Ribeiro, die die Altstadt durchschneidet, stehen weitere, scheinbar vergessene Kolonialvillen mit üppigen Gartenanlagen.

Schon einige hundert Meter weiter befindet sich im Südwesten das Ufer der Halbinsel – quasi der Ursprungsort Macaus. Hier, am Fuße des Hügels Collina de Barra, steht der A-Ma-Tempel und für die chinesischen Bewohner der wahrscheinlich wichtigste religiöse Ort Macaus. Die Anlage soll mindestens 600 Jahre alt sein. Also älter als alle kolonialen Bauten, denn es war die Göttin A-Ma, die Macau ihren Namen gab: Einst soll sie, als Passagierin verkleidet, eine Dschunke gerettet haben, die vor der Küste Südchinas unterzugehen drohte. Dort, wo A-Ma an Land ging, wurde ihr schließlich ein Tempel gewidmet. Die Bucht (auf Chinesisch „gao“) bekam den Namen A-Ma-Gao – Macau war geboren.

Der A-Ma-Tempel wäre wohl ein schöner Ort, den Stadtspaziergang zu beenden. Doch wer bis zum Einbruch der Dunkelheit ausharrt und den Blick nach Osten wendet, bekommt auch noch eine gänzlich andere Seite der Stadt vorgeführt. Dann flackern und flimmern die Casinos weithin sichtbar in den Himmel: Keine Lichterkette ist zu bunt, keine Farbkombination zu grell, keine Reklame zu groß. Ganze Fassaden sind in bunte Farben getaucht, die im Minutentakt wechseln. Jetzt zeigt sich Macau von der gewagten, glamourösen Seite. Wie wär’s vielleicht doch mit einem klitzekleinen Spielchen? Nur zum probieren?

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