Nat pwe – Geisterfeste und Transgenderismus in Myanmar

Posted on: November 23rd, 2012 by admin 2 Comments

Wie an vielen Orten der Welt, so bemüht man sich auch in Myanmar (Burma), die allgegenwärtigen Geister (Nats) den Menschen wohlgesonnen zu stimmen. Die ihnen zu Ehren veranstalteten Zeremonien werden in hier „Nat pwe“ genannt.

„Nats“ sind Naturgeister, die je nach Laune wohlwollend oder störend in das Leben der Menschen eingreifen. Sie stammen noch aus einer Zeit vor der hinduistischen und späteren buddhistischen Überprägung der Religion in Myanmar.

Auch in Myanmar haben sich, wie in anderen Regionen und Religionen der Welt, ältere religiöse Elemente und Glaubensvorstellungen erhalten, die jeweils in die herrschende jüngere (Staats)Religion integriert und dieser dienstbar gemacht wurden.

Die verschiedenen Zentren im Flußgebiet des Irrawaddy wurden von König Anawrahta (1015–1078) während seiner Herrschaft vereinigt. Außerdem zwang er die umliegenden kleinen Staaten in seine Abhängigkeit. Darüber hinaus stoppte er die Expansion des zu dieser Zeit noch hinduistisch geprägten Khmerreiches.

König Anawrahta erhob, um ein Zeichen einer neuen Zeit zu setzen und sich vor allem von seinen Widersachern abzuheben, den sich gerade in der Region ausbreitenden Theravada Buddhismus zur Staatsreligion. Gleichzeitig verbot er den alten animistischen Geisterglauben. Das Verbot erwies sich aber als erfolglos und bewirkte eher das Gegenteil. Deshalb versuchte er mit der Regulierung der alten Geisterkulte diese dem Buddhismus untertan zu machen. Einer ausgewählten Gruppe aus 36 Nats gesellte er einen 37. „Obernat“ hinzu, der sie befehligte und ernannte sie zu „Helfern“ Buddhas. Anschließend ließ er ihre Figuren auf der untersten Terrasse der neu errichteten Shwezigon Pagode in Bagan aufstellen. Der neue „Obernat“ war Thagyamin – die hinduistische Gottheit Indra. Da der Buddhismus  aus dem Hinduismus heraus entstand, wurde das offensichtlich nicht als Widerspruch empfunden. Mit der Zeit verschwamm dann der hinduistische „Obernat“ mit Buddha. Dieser Schachzug machte die Nats zu einem integralen Bestandteil des Buddhismus in Myanmar und bis heute besteht für die Burmesen darin kein Widerspruch zur Lehre Buddhas. Später wurden die 37 Nats von der untersten Terrasse der Shwezigon Pagode entfernt und in einer eigenen Halle im Südosten der Pagode aufgestellt. Die Zusammensetzung der Gruppe der 36 Nats hat sich im Laufe der Geschichte mehrfach geändert, bis sich die heutige Liste und Reihenfolge herausbildete.

Neben den „offiziellen“ Nats, die in Tempeln und Pagoden verehrt werden, gibt es heute noch unzählige andere Nats. Es gibt Hausnats, Dorfnats und Nats, die für ganze Regionen verantwortlich sind. Den Hausnats wird tägliche Aufmerksamkeit gewidmet und es werden Opfergaben bereitgestellt. Zu Ehren anderer, regional bedeutender Nats finden jährlich große Feste statt.

Bei diesen, jährlich stattfindenden Feiern, sowie bei privat veranstalteten Festen, für die es keinen festgelegten Zeitpunkt gibt, treten die Burmesen unter Inanspruchnahme spezieller „Medien“ mit den Nats in direkten Kontakt. Die „nat kadaw“ genannten Medien sind in der Regel professionelle Tänzerinnen und Tänzer. Tänzer wie Tänzerinnen sind farbenprächtig kostümiert und stark geschminkt. Die Tänzer treten dabei oft auch in Frauenkleidern auf, um den Nats zu gefallen.

Zu abwechselnd lauter, rhythmischer Musik, dann wieder leiseren, melodischeren Tönen, tanzen die Medien mal einen wohl koordinierten, klassischen Tempeltanz und dann wieder  in wilden, entfesselten, extatischen Bewegungen.

Neben der rhythmischen Musik und der ständigen Bewegung helfen auch hochprozentige, alkoholische Getränke den Medien in Trance zu verfallen und so den Kontakt zu den Geistern herzustellen.

Ob die obengenannte Travestie der Tänzer tiefergehend ist, bis hin zu echter Transvestie, mag von Fall zu Fall unterschiedlich sein. Auf alle Fälle ist die besondere Be- und Empfindlichkeit dieser Künstler ein wichtiger Faktor für ihre Tätigkeit als Medium.

Die Menschen sind seit frühester Zeit von dem Übergang zwischen den Geschlechtern fasziniert und er wurde wohl in allen Religionen bei der schamanistischen Geisterbeschwörung genutzt. Von diesen Medien heißt es, daß sie, im weitesten Sinne des Wortes, von den Geistern besonders „geliebt“ werden, und sie deshalb von ihnen bevorzugt besessen werden und so den besten Kontakt herstellen können. Aus diesem Grund steht man in den Ländern Südostasiens wie Burma, Laos Vietnam oder Thailand dem Transgenderismus relativ gelassen gegenüber, anders als offen gezeigter Homosexualität.

Deshalb erzeugen die in schlechtem Englisch geschriebenen Webseiten örtlicher Reiseveranstalter ein verkehrtes Bild. Sie benutzen das moderne englische Wort „gay“ in einem falschen Zusammenhang und lassen die Geisterfeste als ausgesprochene „Homosexuellenpartys“ erscheinen. Damit wird man dem Phänomen eines latenten oder auch gelebten Transgenderismus bei den „Medien“ aber nicht gerecht.

Der Begriff und das westliche Konzept des Wortes „gay“ des modernen anglo-amerikanischen Sprachgebrauches ist nicht mit dem Phänomen des Transgenderismus gleichzusetzen, auch wenn besonders bei den „männlichen“ Medien eine gewisse Affinität zu Bi- und Homosexualität auftreten mag. Einige Geisterfeste gewinnen allerdings, angeheizt durch oben genannte Webseiten und zunehmende Verwestlichung, die als „modern“ angesehen wird, zunehmend Popularität in der internationalen Gayszene.

Zu den beliebten und regelmäßig durchgeführten Geisterfesten in Myanmar (Burma), wie z.B. das Pakhan Ko Gyi Kyaw Festival, das Taungbyone Nat Festival, das Yadana Cave Festival und das Mount Popa Nat Festival, die oft über mehrere Tage, gehen kommen viele Pilger, Geistertänzer, sowie andere Schausteller und Händler. Diese Feste gleichen großen bunten Jahrmärkten.

Aber nicht nur in Myanmar treten Medien bei Geisterfesten mit den Geistern in Kontakt. Solche Feste findet man auch in Vietnam und Laos, Tibet und Nepal. Soger in China und Kambodscha kann man Reste solcher Feste finden.

Wer wissen möchte, wann, wo usw. die einzelnen Feste stattfinden, oder gar an einem Fest teilnehmen möchte, kann sich dazu mit uns in Verbindung setzen.

2 Responses

  1. kosmea sagt:

    Grüezi

    Meine Freundin und ich möchtne gerne im Dezember am Nat Geisterfest teilnehmen. Nun habe ich gelesen, dass es am 15. stattfindet und eine andere Quelle meint am 17.12. Mir ist klar, dass das fest mehrere tage dauert, aber ist es nicht am eindrücklisten das fest am höhepunkt zu erleben?

    Weil wir erst am 13.12. in Yangon ankommen, fragen wir uns ob wir noch am gleichen tag weiterfliegen sollten oder ob wir erst später, sogar erst am 15. oder 16. nach Bagan kommen könnten um das fest nicht zu verpassen.

    Es gibt so viele feste. Welche würden Sie uns empfehlen? (Im Januar ist doch in Bagan ein grosses fest; und in Hp-an, ..)

    Herzlichen Dank für Ihre Antwort!

    kosmea

    • Hape sagt:

      Hallo kosmea,

      entschuldige die späte Antwort. Ich muss leider ehrlich sagen, dass ich es auch nicht weiß. Ich kann dir empfehlen die Botschaft von Myanmar zu kontaktieren
      info@botschaft-myanmar.de
      Ansonsten wüsste ich auch nicht weiter.

      Viel Erfolg und gute Reise.
      Hape

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